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2004-04-01
Source: berlinerdebatte.de

INITIAL

EINE NEUE SOZIALE FRAGE? – FOLGEN DER ARBEITSLOSIGKEITSYMBOLISCHE GHETTOISIERUNGNEUE MIGRATIONSMUSTER

Bei den Sozialwissenschaftlern, die sich mit dem Thema überhaupt beschäftigten, ist ein Wettstreit ausgebrochen: Wer liefert die dramatischste Elendsbeschreibung für postfordistische Wohlstandgesellschaften? Sozialhilfe, Langzeitarbeitslosigkeit, Vertreibung, soziale Isolation und fehlende Sozialleistungen – und am besten alles zusammen – markieren soziale Ausgrenzung. Der Industriekapitalismus sei wieder an seinen Wurzeln im 19. Jahrhundert angelangt.

Doch wenn Armut und Arbeitslosigkeit in klassenkämpferischer Pose für einen Begriff sozialer Ausgrenzung in Anschlag gebracht werden, bringt sich die Soziologie um die Gelegenheit, den fundamental anderen Charakter eines gesellschaftlichen Wandels zu begreifen. Bildungsrevolution, Wohlfahrtsstaat und individualisierte Lebensführung sind eben mehr als „politisch herbeigeführte“ Möglichkeiten der flexiblen Ausbeutung der Arbeitskraft (Steinert 2003: 283). Sie haben auch die emanzipatorischen Ansprüche aller Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben wachsen lassen. Nicht selten werden die Ergebnisse einer Entwicklung für die Entwicklung selbst gehalten, deshalb erscheinen Ausgrenzung und Exklusion als Probleme der Menschen am Rand der Gesellschaft. Wenn Ausgrenzung aber als Prozeß gedacht werden muß, dann führt die Beschreibung von – wenn auch dramatischen – Zuständen nicht weiter. Der „Einbruch des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen, Informellen“ (Beck 2000: 8) betrifft die gesamte Gesellschaft und mithin alle für sicher gehaltenen Bastionen. Viele Menschen gelangen erst infolge einer „sukzessiven Entwertung“ (Ingrid Oswald in diesem Heft) an den Rand. Wir müssen daher dabei bleiben, soziale Ungleichheit sozialstrukturell als hierarchisches Modell beizubehalten und gleichzeitig die Dichotomie des Ein- und Ausschlusses, Ein- und Ausgliederns weiterzudenken. Der Begriff „die Überflüssigen“ versucht diejenigen zu benennen, die sich in diesem Prozeß befinden. Beispielsweise jene Berliner Finanzamtsangestellte, deren Stelle trotz sich auf ihrem Schreibtisch stapelnder Akten als „kw“ vermerkt wurde, weil im Finanzamt Stellen eingespart werden sollten. Die Berliner Zeitung vom 11. Mai 2004 berichtete, daß der Finanzsenator der Stadt trotz fehlender Mitarbeiter zehn Prozent seiner Angestellten für „künftig wegfallend“ erklärte, um seinen Kollegen im „Sparsenat“ ein Beispiel zu geben. Genau eine Woche später – am 18. Mai 2004 – titelt die Berliner Zeitung: „Berlin spart – der Senat nicht. … Fünftausend Beschäftigte zuviel“. Das Irritierende daran ist, daß wohl beides stimmt. Die junge Finanzbeamtin muß also nicht nur die viele Arbeit auf ihren Schultern tragen, sondern sich auch noch für latent schmarotzend halten lassen. Hier schon beginnt ein „Entwertungsprozeß“. Der Zustand der Arbeitslosigkeit ist nicht der Beginn, sondern ein Scheidepunkt des Überflüssig-Werdens.

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